Irrtümer rund ums Stillen

1. Wenn das Baby vor Hunger schreit, soll es an die Brust gelegt werden.

Viel zu spät! Angelegt wird bei den ersten Hungerzeichen. Bei Neugeborenen schon, so bald sie sich regen. Evtl. muss das Kind in den ersten Tagen sogar geweckt werden.

2. Die Pause bis zum nächsten Stillen muss mind. 2 (früher 4!) Stunden betragen, sonst trifft frische Milch auf unverdaute und das macht Blähungen und Koliken.

Gilt schlimmstenfalls für Kuhmilchnahrung, aber nie für Muttermilch. MuMi ist ganz leicht verdaulich. Naturvölker stillen im Tagesmittel alle 13,5 Minuten, und deren Babys haben alle keine Koliken. Sie schreien am Tag ein paar Minuten, während bei uns die Kinder stundenlang schreien. Außerdem empfiehlt man Menschen mit wirklichen Verdauungsbeschwerden lieber viele kleine Mahlzeiten als seltene große.

3. Wenn das Baby nach dem Stillen schreit, ist es gewiss nicht satt geworden.

Das könnte, aber muss nicht sein. Viele Babys wollen am liebsten den ganzen Tag an der Brust liegen und beschweren sich beim Ablegen.

4. Wenn das Baby beim Stillen schreit, mag es die Milch nicht.

Manche Babys müssen während der Stillmahlzeit aufstoßen, wollen aber die Brust nicht loslassen. Das gibt einen Konflikt, den diese Kinder mit Schreien ausdrücken. Andere können während des Verdauens nicht trinken, grrr…

5. Wenn das Baby Hunger hat, aber an der Brust schreit, statt zu trinken, lehnt es die Mutter ab.

Die Brust ist der allerbeste Platz für ein Kind, vom ganzen Jammer zu erzählen, der ihm in seinem Leben (9 Monate + Geburt +Lebenszeit bis jetzt) schon passiert ist. Wenn das verstanden und ausgehalten wird, trinkt das Kind. In seltenen Fällen riecht die Mutter oder die Milch anders, oder im Moment gibt es Stress, oder das Kind hat eine Saugverwirrung.

6. Manche Kinder brauchen einfach die Brusthütchen.

Wenn o.g. nicht ausgehalten wird, sondern eine schnelle Symptombeseitigung z.B. durch Brusthütchen geschieht, wird das Kind „zugestöpselt, mundtot gemacht“ und muss trinken, statt sich mitzuteilen. Brusthütchen bewirken aber häufig Saugverwirrung und auf Dauer viel zu oft mangelnde Gewichtszunahme beim Kind.

7. Mit Hohl- oder Flachwarzen kann nicht gestillt werden.

Wenn das wahr wäre, gäbe es diese Brustwarzenformen nicht mehr. Babys können auch an solchen Brüsten trinken, und am besten, wenn sie gar nichts anderes kennen. Kompetente Hilfe beim 1. Anlegen ist sinnvoll.

8. Ganz große Brüste sind „Fleischbrüste“ und zum Stillen ungeeignet.

Auch große Brüste können wunderbar stillen. Beim Finden der besten Stillposition tut der Frau aber Hilfe gut. Es gibt auch eine spezielle Bindegewebs-Massage.

9. Wenn die Brust nach einigen Wochen nicht mehr so prall ist, ist die Milch zurückgegangen.

In den ersten Tagen kann die Brust prall sein von viel Durchblutung und Lymphflüssigkeit, auch ist noch viel Fettgewebe da. Die Brust wird aber umgebaut, Fettgewebe verschwindet, Drüsengewebe bildet sich immer mehr, Blut und Lymphe normalisieren sich. Die Brust ist nach einigen Wochen weich und „pappig“ und trotzdem kann viel mehr Milch als am Anfang drin sein.

10. Wenn die Milch plötzlich weg ist, oder wenn sie mal zurückgegangen ist, z.B. weil das Kind weniger getrunken hat, ist sie unwiderruflich weg.

Die Milch geht nicht „plötzlich“ weg, sie kommt aber unter Stress etc. nicht aus der Brust heraus. (Ausnahme schwerste Erkrankung der Mutter). Entspannung und Wärme tun Wunder. Aber selbst wenn die Milch wirklich zu wenig (geworden) ist, wird sie in wenigen Tagen wieder (viel) mehr werden, wenn die Nachfrage entsprechend groß ist. Eben durch viel Stillen, von Hand Entleeren oder (zusätzlich) Pumpen. Innerhalb von 4 Wochen nach letztem Stillen ist auch komplette Relaktation relativ leicht.

11. Wenn die Milch nicht reicht, muss mit dem nächsten Stillen länger gewartet werden, dann ist mehr Milch in der Brust.

Fatal richtig-falsch. Sicher ist etwas mehr Milch in der Brust, wenn die Mahlzeit hinausgezögert wird; aber in der Folge wird noch weniger Milch produziert, und so fort. Die (kleine) Menge Milch muss so oft wie möglich raus, denn eine (fast) leere Brust und viel Stimulation ist ein starkes Signal für Ankurbelung der Milchbildung.

12. Wenn die Milch nicht mehr reicht, muss zugefüttert werden (auch wenn das Baby unter 6 Monaten alt ist).

Die Milch reicht periodisch immer mal nicht aus, weil der Bedarf des Kindes stetig oder schubweise ansteigt. Durch dann häufigeres und längeres Stillen steigt auch die Milchmenge. Bei Zufütterung nicht. Größere Babys bekommen natürlich Beikost. Es muss aber kein Brei sein. Viele Kinder wechseln von der Brust direkt an den Familientisch (und zurück).

13. Abends schreit das Kind so viel, weil die Muttermilch nicht reicht.

Abends sind die Kinder in unserer Kultur generell unruhiger, Gründe dafür gibt es viele. Dann hilft die Brust aber zum Trösten und Beruhigen besonders gut. Außerdem teilt das Kind mit seinem abendlich verstärktem Stillen der Brust seinen Bedarf für den nächsten Tag mit.

14. Das Baby braucht nachts ewig lang zum Bäuerchen.

Babys brauchen oft nachts gar kein Bäuerchen machen, weil sie viel ruhiger trinken. Wenn doch ein Bäuerchen nötig wird (man merkt es an der Unruhe des Kindes) und die Mutter zu müde zum Aufstehen ist, (der Vater auch), legt sie sich das Kind auf ihren Bauch. Spuckwindel nicht vergessen. Schwere Kinder knien an Mutters Bauch.

15. Babys schreien, weil sie die Eltern tyrannisieren wollen.

Stimmt nie! Ein schreiendes Kind hat immer einen Grund, und sein Schreien sollte schnell und mit der richtigen Aktion beantwortet werden. Ein Kind beim Schreien allein zu lassen kann re-traumatisieren oder zur Resignation des Kindes führen, also richtig schaden.

16. Schreien stärkt die Lungen.

Bösartiger Schwachsinn. Erfunden zur Selbstberuhigung und Rechtfertigung sadistischen Verhaltens.

17. Viele Kinder schreien so viel, weil sie die so genannten „3-Monats-Koliken“ haben.

Konnte von der Wissenschaft gar nicht bestätigt werden. Die meisten Kinder in unserer Kultur schreien deshalb so viel, weil sie nicht „artgerecht“ behandelt werden. Sie haben zu viel Körperspannung, also einen übermäßig sympathikotonen Zustand, und das Schreien führt (oft) zur Entlastung. Allerdings nur, wenn es im Körperkontakt mit einem liebevollen und entspannten Menschen geschieht. Tragen oder Babymassage oder Trauma-Therapie (z.B. Schreikindersprechstunde) sind aber besser.

18. Die so genannten „3-Monats-Koliken“ vergehen nach 3 Monaten von selber.

Mit 3 Monaten machen Kinder einen Entwicklungssprung, sie können sich besser orientieren und vertragen die Behandlung besser. Aber nicht alle Schreikinder hören nach 3 Monaten damit auf! Deshalb ist eine Beratung z.B. in einer Schreibaby-Ambulanz schon vorher anzuraten, um Fehler abzustellen, dem Kind zu helfen bzw. den Eltern das „Überstehen“ zu erleichtern.

19. Babys sollten nachts bald durchschlafen und keine Mahlzeit mehr brauchen.

Babys sind von der Natur aus für Nachtstillen „gedacht“; denn nur nachts hatte die „Ur“-Mutter viel Zeit zum Stillen. Nachts ist auch das Prolaktin viel höher als am Tag, und das Oxytocin fließt besser. Aber Nacht-Stillen passt nicht in unsere Kultur, und deshalb gewöhnen wir es den Kindern ab. Kinder gewöhnen sich an viel, aber nicht alle gleich schnell.

20. Babys dürfen nicht verwöhnt werden.

Menschenbabys sind allesamt „Frühchen“ und müssten noch mind. 9 Monate länger im Mutterleib bleiben. Deshalb können sie im ersten Jahr mit Liebe, Nahrung, Bewegung und Nähe kaum genug versorgt werden.

21. Babys müssen von Anfang an das Alleinsein lernen und zur Selbstständigkeit erzogen werden,sonst lernen sie es nie.

Das ist eine grobe Überforderung des kindlichen Stress-Systems. Babys haben aus biologischen Gründen Angst beim Alleinsein. Sie wissen nicht, dass Kinderzimmerwände und –türen sicher sind. Sie brauchen menschliche Nähe, um sich sicher zu fühlen. Kinder, die mit Nähe „satt“ geworden sind, werden sehr bald und sehr gründlich selbstständig und sicher, sind wach, aufmerksam, intelligent und sozial hoch kompetent.

22. Babys dürfen nicht mit im Elternbett schlafen, denn dann könnten sie im Schlaf erdrückt oder von der Elterndecke überdeckt werden.

Gilt nur im Wasserbett, bei Raucher-Eltern, bei Eltern, die unter Alkohol oder Drogen stehen oder ganz schwer krank oder erschöpft sind.

Gesunde Eltern haben den „Ammenschlaf“ und wachen sogar auf, wenn das Kind eine Atempause macht. Kinder zeigen es mit Bewegungen und Geräuschen an, bevor es für sie gefährlich wird, z.B. wenn es ihnen zu warm oder zu kalt ist oder wenn die Luft schlecht wird, sie also zu wenig Sauerstoff bekommen. Wichtige Regel dabei: Ein Elternteil muss in Hörweite bleiben, wenn das Kind allein im Elternbett liegt – oder alle Kissen und Decken weit genug entfernen. Das Elternbett ist aber eigentlich nur richtig sicher, wenn ein Elternteil mit drin liegt.

23. Kinder sollen nicht im Elternbett schlafen, weil sie da nie wieder raus wollen.

Nur Kinder, die sich den Zugang ins Elternbett hart erkämpfen mussten, auch von Anfang an nicht hatten, wollen nicht (gern) wieder raus. Wer es vom 1. Tag an hatte, also „satt“ ist von nächtlicher liebevoller Nähe, zieht viel eher aus.

24. Kinder schlafen deshalb im Elternbett, weil die Eltern Partnerprobleme haben und die Mutter keine Lust auf Sex hat.

Frischgebackene Mütter haben wirklich viel weniger Lust auf Sex, als den meisten Vätern lieb ist. Partnerprobleme sind auch eher die Regel als die Ausnahme. Paare brauchen aber die Aussprache über ihre Bedürfnisse und auf jeden Fall einen anderen Raum, in dem Sex ungestört möglich ist. Ansonsten gute Paar-Therapie.

25. Viele Mütter stillen so lange, weil sie psychische Probleme haben und sich nicht vom Kind lösen können.

Ist extrem selten wirklich so. Unsere Kultur guckt schon komisch, wenn ein 12-Monate-Kind noch gestillt wird. Dabei zeigt die vergleichende Forschung sowie wird von der WHO empfohlen, dass es gut ist, 2-3 Jahre lang (mit Beikost) zu stillen. Stillen länger als 12 Monate ist einfach richtig, sehr gesund und emotional schön für Mutter und Kind. Solange es beiden Spaß macht, ist es richtig. Reinreden gehört sich nicht.

26. Stillende Mütter dürfen nichts Blähendes essen.

Dann wäre die Menschheit längst ausgestorben. Stillende dürfen alles essen, worauf sie Appetit haben, und was das Kind schon aus dem Mutterleib kennt. Türkische Babys z.B. würden die Milch ohne Knoblauchgeschmack gar nicht mögen. Was die Mutter selbst sehr bläht, davon isst sie sowieso nicht gern. Etwas Vorsicht ist angeraten bei Nahrung, die nicht gewöhnt ist und deutlich anders schmeckt, wie z.B. Spargel, Fenchelknollen, Hustenbonbons oder Pfefferkuchen. So etwas bitte langsam einführen. Vielen Kindern ist es aber völlig egal.

27. Stillende sollen keine Zitrusfrüchte essen – sonst wird das Kind wund.

Stimmt nur selten. Ausprobieren! Die meisten Kinder vertragen die Apfelsinen etc. problemlos.

28. Wenn die Milch nicht reicht, soll die Mutter ganz viel trinken.

Das kann auch zuviel des Guten sein. Wenn wirklich viel zu viel Flüssigkeit im Körper ist, tickt das Hormon aus, welches den Wasserhaushalt im Körper regelt. Dieses Hormon ist aber an das Oxytocin gekoppelt, das fließt dann nicht mehr richtig, und damit kommt der Milchfluss nicht zu Stande. Abhilfe: 2-3 Stunden nichts trinken. Stillende sollen gut nach Durst trinken, aber (außer bei viel Durst oder viel Schwitzen) auch nicht mehr als 2-3 Liter /Tag.

29. Manchmal ist die Muttermilch zu dünn, so dass das Kind nicht gedeihen kann. Sie sollte untersucht werden.

MuMi ist (außer bei stark mangelernährten, hungernden, schwer kranken oder vergifteten Müttern) immer vollwertig und ausgewogen zusammengesetzt. Wenn das Kind nicht gut gedeiht, ist es entweder krank oder bekommt zu wenig Milch. Häufiger Stillen hilft fast immer!

30. Manche Kinder trinken nur die Vormilch= fettarme Milch.

Das kann nur zutreffen, wenn die Mutter regelmäßig erst das Kind anlegt und danach abpumpt und diese Milch dem Kind nicht gibt. Ansonsten richtet sich die Milchbildung nach wenigen Tagen auf eine evtl. geringere Menge ein, das Kind bekommt wieder das volle (Fett)-Spektrum.

31. In der Muttermilch sind Schadstoffe, deshalb sollte das Kind nicht so lange gestillt werden.

Eine gute Nachricht: Der Schadstoffgehalt der MuMi ist derart rückläufig, dass (außer bei extrem belasteten Frauen) uneingeschränktes Stillen empfohlen werden kann und die Vorteile die Nachteile weit übertreffen. Außerdem gehen die meisten Schadstoffe schon in der Schwangerschaft und mit dem Kolostrum zum Kind. Biologisch saubere Nahrung ab Schwangerschafts-Wunsch ist aber sehr zu empfehlen, Diäten bei Stillenden nur mit Vorsicht zu machen, und das Gewicht der Mutter sollte nicht viel unter das Gewicht von vor der Schwangerschaft fallen.

32. Wenn die Mutter Medikamente/ ein Antibiotikum nehmen muss, darf sie nicht stillen.

Das trifft nur bei einigen Mitteln zu, und meist lässt sich ein stillverträgliches Medikament finden. Im Zweifelsfall kann auf der homepage der Beratungsstelle für Embryonaltoxikologie in Berlin, www.embryotox.de, nachgesehen werden.

33. Wenn die Mutter krank ist, z.B. einen Infekt hat, steckt sie beim Stillen das Kind an.

Wenn der Infekt bei der Mutter spürbar wird, hat sich das Kind meist längst angesteckt. Über die Muttermilch bekommt es aber maßgeschneiderte Abwehrstoffe gegen genau die Keime, die die Mutter hat. Bei wenigen Krankheiten oder wenn die Mutter ganz schwer krank ist, ist Stillen (vorübergehend) nicht möglich.

34. Wenn die Brust entzündet ist, (Mastitis), muss abgestillt werden.

Das wäre ein grober Fehler. Eine entzündete Brust muss ganz oft gestillt/geleert werden, dann verläuft die Mastitis leichter. Selbst nach einer Abszess-Eröffnung kann weiter gestillt werden, wenn der Schnitt weit genug von der Mamille entfernt ist und die Frau es will.

35. a. Brustwarzen sollen in der Schwangerschaft abgehärtet werden (Bürsten, Rubbeln, Kneten).

35. a. Ist nicht nötig und wird wegen Frühgeburtsgefahr nicht mehr empfohlen.

35.b. Zu lange Stillmahlzeiten machen die Brustwarzen wund.

35. b. Brustwarzen haben erektiles Gewebe und sind dafür gedacht, stundenlang tief im Mund des Kindes zu sein. Davon werden sie nicht wund, wohl aber, wenn die Brustwarze schief oder nicht tief genug im Babymund steckt oder wenn eine Pilzinfektion oder eine andere Hauterkrankung im Spiel sind. Es gibt KEINE Zeitbeschränkung für´s Stillen, weder wie oft, noch wie lang gestillt werden soll, vom 1. Tag an! Aber bitte richtig!

36. Wunde Brustwarzen (BW) werden nach dem Stillen mit dem Fön getrocknet.

Wird nicht mehr empfohlen, weil die warme Luft zu sehr austrocknet. Besser die BW an der Luft trocknen lassen, vorher etwas Wollfett oder Muttermilch darauf verteilen. Überhaupt: viel Luft ranlassen ist hilfreich. BW mit offenen Stellen werden nicht getrocknet, sondern feucht geheilt (Aloe-Kompressen, gutes Wollfett).

37. Stillen ist anstrengend für die Mutter. Stillen zehrt an den Kräften.

Stillen sollte neben dem Schlafen die erholsamste Sache beim Mutter-Sein sein. Wenn das nicht so ist – auch nach den ersten Tagen noch – sollte etwas verändert werden, am besten mit Hilfe einer erfahrenen Still-Frau. Viele Frauen haben keine gemütliche Stillposition. Wenn das Stillen aber wirklich an der Mutterkraft zehrt, sollte die Frau ihre Essensmenge und –qualität anschauen und vom Arzt ihre Blutwerte überprüfen lassen. Evtl. fehlt Eisen, oder die Schilddrüse arbeitet nicht richtig, oder etwas Anderes stimmt nicht. Z.B. zehren Depressionen sehr an den Kräften, und es wird zu Unrecht aufs Stillen geschoben. Nach dem Abstillen könnte alles noch viel schlimmer sein, weil dann entspannende Hormone in geringerer Menge da sind (Prolaktin und Oxytocin).

38. Babys dürfen beim Stillen nicht an der Brust einschlafen, denn dann wollen sie das immer so haben.

Gehört auch mit in die veraltete Verwöhntheorie. Der beste Platz zum Einschlafen ist nun mal die Brust, denn da ist das Kind satt, sicher und warm. Außerdem sind Stoffe in der Milch, die müde machen. „In-den-Schlaf-Stillen“ ist genau so lange richtig, wie es die Mutter gern macht. Wenn sie es irgendwann WIRKLICH nicht mehr möchte, teilt sie es dem Kind mit und muss dann evtl. Protest und Trauer des Kindes liebevoll aushalten.

39. Stillen ist für das (frühgeborene) Kind anstrengender als Flasche-Trinken.

Stimmt nicht. Wenn die Milch gut fließt, ist Stillen sogar viel leichter als Flasche trinken. Es werden aber viel mehr Gesichtsmuskeln dabei bewegt als beim Flaschetrinken, was gut für die mundmotorische Entwicklung ist.

40. Durch Stillen bekommt die Frau Haarausfall.

Falsch! Das geht Flaschenmüttern ganz genau so. Durch die Schwangerschaft sind nämlich viel weniger Haare als normal ausgefallen; diese fallen jetzt neben denen, die sowieso raus müssen, auch mit aus.

41. Durch Stillen wird die Brustform verdorben (Hängebrust).

Die Brustform ist genetisch bedingt. Weniger das Stillen als vielmehr die Schwangerschaft verändern die Brust. Wer seine Brustform behalten will, sollte nicht schwanger und auch nicht alt werden. Ob ein BH hilft, ist fraglich. Optisch auf jeden Fall.

42. Fencheltee ist gut für Mütter und Kinder.

Fenchel fördert stark die Verdauung und ist für sensible Kinder zu aggressiv im Darm, führt in Einzelfällen sogar zu (harmlosen) Darmblutungen, auch wenn die Mutter ihn trinkt. Viele Kinder vertragen es aber. Wasser ist harmloser.

43. a. Wenn es sehr heiß ist, brauchen Kinder Tee.

Stillen allein reicht aus, bei Hitze evtl. noch öfter anlegen. In der Wüste bekommen die Kinder auch nichts anderes.

43. b. Wenn ein Kind einen Magen-Darm-Infekt hat, darf es nicht mehr gestillt werden.

Kuhmilch wäre wirklich nicht gut, aber Muttermilch ist die beste Heilnahrung bei Durchfall; sie kann auf ärztliche Anordnung mit Mineralstoffen ergänzt werden; kleine Stillmengen sind besser als große, wegen des Erbrechens; aber es geht auch immer etwas in die richtige Richtung (in den Darm).

44. Zymafluor ist gut für alle Kinder.

Einige Kinder vertragen den Fluor-Anteil nicht und bekommen wirklich Bauchweh. Es lohnt sich ein Auslassversuch: 2 Wochen nicht geben, dann wieder: Wenn die Beschwerden danach deutlich stärker werden, die Kinderärztin um Vigantoletten (Vit. D ohne Fluor) bitten.

45. Ein Baby muss immer ganz warm gehalten werden.

Ist nur in den ersten Tagen bzw. bei untergewichtigen Kindern anzuraten. Kinder stellen ihren inneren Temperaturregler nach der Umgebungstemperatur ein – ist es außen warm, erzeugen sie wenig Wärme (am Äquator sehr sinnvoll), ist es kalt, erzeugen sie viel Wärme. Eskimo-Babys werden in den ersten Lebenstagen in Eiswasser getaucht – sie brauchen eine gute eigene Wärmeproduktion. Kinder im Körperkontakt mit einem warmen Menschen brauchen kaum Kleidung – vorm Stillen ausziehen!

46. Kalte Füße beim Kind müssen mit (mehreren) dicken Socken unbedingt verhindert werden.

Kalte Füße werden am besten im direkten Körperkontakt warm, dicke Socken schaffen das nicht, und wenn überhaupt, dann sollten sie aus reiner, weicher Wolle sein. Füße müssen bei einem wachen Baby aber gar nicht immer warm sein. Besonders bei dicken Babys ist die Haut außen oft kalt, und innen sind die Kinder pudelwarm. Außerdem ist Wärme/Kälte immer relativ. Wer sehr warme Hände hat, findet alle Füße, die er anfasst, kalt.

47. Ein Kind, was viel (im Tuch) getragen wird, bekommt einen krummen Rücken. Das viele Tragen schadet der Wirbelsäule.

Mehr als 25% der deutschen Kinder haben zur Einschulung orthopädische Probleme, und kaum eins von diesen Kindern wurde viel getragen. Im Gegenteil: Viel getragene Kinder profitieren für ihre Körperhaltung davon. Naturvölker, die viel mehr tragen als unsere fleißigsten Tragemütter, sind allesamt orthopädisch viel gesünder als wir Europäer.

48. Ein Autositz ist ein sicherer Platz für das Kind.

Trifft bestenfalls im Auto selbst zu. Werden sehr zarte Kinder im Autositz zu lange und im falschen Winkel aufbewahrt, kann das Köpfchen ungünstig auf der Brust liegen, so dass akute Atemnot entsteht.

49. Babys verstehen ja sowieso nichts. Sie merken gar nicht, was mit ihnen geschieht.

Die Forschung beweist jetzt, was Mütter schon immer wussten: Babys sind vom 1. Tag an kompetent, haben ein großes Kommunikationsrepertoire und verstehen viel mehr von der Welt, als ihre Gehirnstruktur bisher vermuten ließ. Babys verstehen alles, was wir sagen und auch so meinen. Sie nehmen ihre Umwelt sehr genau wahr, haben genauso Gefühle wie wir und merken sich diese sogar, bis sie groß sind. Und sie können sogar spüren, wie wir uns fühlen. Manche schreien nur deshalb, weil es ihren Eltern nicht gut geht.

50. Alle Babys brauchen einen Rhythmus.

Stimmt nur ganz selten. Die meisten Kinder kommen auch bei Chaos bestens klar, Hauptsache, ihre Eltern sind entspannt und gelassen. Aber viele ELTERN brauchen einen Rhythmus, damit sie halbwegs entspannt sein können. Dann ist es in Ordnung, dem Baby einen Rhythmus vorzu-geben. Denn Babys brauchen entspannte Eltern…usw. Größere Kinder entwickeln meist von selbst einen Rhythmus, der sich aber oft genug ändert.

51. Die Mutter muss abstillen, damit sie abends (wenn das Kind paar Wochen alt ist) oder am Wochenende (wenn es paar Monate alt ist) auch mal weggehen kann.

Eine Mutter muss durchaus auch verantwortungsfreie Zeit haben, damit sie ihre Batterien wieder auffüllen kann und genug Kraft für den anstrengenden Job als Mutter hat. Sie kann Milch abpumpen, und ein vertrauter anderer Mensch wird das Kind versorgen. Wenn es dann weint, ist das sein gutes Recht, denn es will gern die Mama da haben. Es fehlt ihm viel mehr die Mama als die Brust!!! Die Mama hat aber Ausgang, und das ist gut so. Also darf das Kind protestieren und weinen und wird so gut es geht getröstet. Der Vater (o.a.) erklärt dem Baby ganz entspannt immer wieder, dass die Mama jetzt nicht da ist und dass es weinen darf, denn Weinen hift bei Zorn und Trauer. Es ist aber ganz wichtig, dass das weinende Kind immer Körperkontakt mit einem verständnisvollen Erwachsenen bekommt, der weiß, dass er nichts falsch macht, wenn das Kind weint.

Abstillen ist also nicht nötig; die Mutter stillt, bevor sie geht, erzählt es auch dem Kind, und stillt gleich wieder beim Heimkommen. Wenn es abgepumpte Milch oder etwas anderes trinkt, umso besser. Aber manche fasten dann, jedoch nicht ein ganzes Wochenende.

Für die Mutter ist es wichtig, dass sie ohne Schuldgefühle geht und auch keine Schuldgefühle entwickelt, wenn das Kind geweint hat – denn dann meint das Kind mit Recht: “Wenn Du Dich schuldig fühlst, weil Du nicht bei mir bist, dann bleib doch da!”

Eine gute Reaktion der Mutter wäre z.B. “Was, Du hast die ganze Zeit geweint? Ja, das tut mir leid. Der Papa/die Oma hat Dich die ganze Zeit im Arm gehalten/herumgetragen? Du hast einen großartigen Papa/Oma! Danke. Und ich hatte eine wunderschöne Zeit, das hat echt gut getan, und demnächst mache ich es wieder.”

Kinder brauchen kraftvolle, gutgelaunte Mütter und nicht aufgeopferte.

Fazit: Es gibt viele Arten, es richtig zu machen.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.